Anweisungen_gebraucht

#2 gebrauchte Anweisungen

Kürzlich habe ich bei meiner Kollegin eine Kiste mit der Beschriftung „Gebrauchte Anweisungen“ entdeckt.
Zugegebener Maßen habe ich mich im Vorbeigehen etwas gewundert und diese Verwunderung mit an meinen Schreibtisch getragen.
Ja, besagte Kollegin war bereits im arbeitsfähigen Alter, als es noch nicht in allen Büros Macs oder PCs gab. Dennoch hat die Vorstellung von „Gebrauchten Anweisungen“ bei mir ähnliche Bilder ausgelöst, wie zu Schulzeiten die Lektüre von Kafkas „Der Prozess“ oder Szenen aus Jaques Tatis „Mon Oncle“. „Gebrauchte Anweisungen“… sammelt meine Kollegin Anweisungen, die sie erhalten hat? Falls ja, bedeutet „gebraucht“, sie hat sie mindestens einmal ausgeführt? Wird die Kiste regelmäßig geleert? Gibt es ebenfalls eine Kiste für „ungebrauchte“ oder gar „unbrauchbare“ Anweisungen? Oder werden diese direkt entsorgt? Gehört die Kiste am Ende dem Chef – er greift ab und an mal hinein und zieht eine gebrauchte Anweisung heraus? Vielleicht hat der Chef ein Seminar belegt und eine Management-Methode erlernt, die besagt: „Geben Sie täglich mindestens 17 Anweisungen heraus, so festigen Sie Ihre Führungsposition! Dabei ist es völlig egal welche Anweisungen Sie ausgeben. Wichtig ist nur, dass Sie es tun.“ Schlau, wenn man dann eine solche Kiste hat – aber willkürlich Anweisungen geben zum Zweck der Machtdemonstration. Das wird doch heute nicht mehr gelehrt.

Am Ende fand ich es fast schade, dass sich der tatsächliche Inhalt der Kiste als „Gebrauchsanweisungen“ herausstellte, die noch aus der Zeit vor „Digital Manuals“ stammen. Der gleichen Zeit entstammt die Beschriftungstechnik, die aus retrocharmanten Gründen wieder modern wurde. Auf der Kistenbeschriftung war schlicht die Prägung an der entscheidenden Stelle nicht kräftig genug.

 

#Tellerstories sind unregelmäßig erscheinende kleine Geschichten oder Anekdoten, die am Esstisch der tat.sache entstehen oder erzählt werden.